Ein neues Buch entsteht... 

und ihr könnt meinen Schreibprozess in "Echtzeit" verfolgen ;-)


Arbeitstitel: 

"Der Autist als Prototyp des neuen Menschen in der sozialromantischen Idee der Gegenwart... Alles Bullshit!"


"Der Autismus respektive die Autist:innen werden zu Objekten, zu einem Gegenstand, der benutzt wird, um sich seiner selbst zu vergewissern - als Individuum und als Gesellschaft. Er wird missbraucht [...]" (Kapitel: Über die Normopathie)

Seit meiner Autismusdiagnose vor vier Jahren habe ich mich intensiv mit meinem Autismus auseinandergesetzt. Nicht weniger intensiv war meine Beschäftigung mit der Geschichte des Autismus (da kommt die Geschichts- und Philosophielehrerin durch). Mit dem Sortieren meiner Gedanken habe ich angefangen, ein neues Buch zu schreiben.

Autismus und autistisches Verhalten sind seit ihrer Erstbenennung durch Kanner und Asperger zu jeder Zeit neu verhandelt worden. Sie wurden unterschiedlich, dem jeweiligen Zeitgeist entsprechend, interpretiert und erhielten daraus entspringende Zuschreibungen. Aber auch Autist:innen erhoben irgendwann ihre Stimme, es entstand eine autistische Bewegung, die Einfluss auf diesen Diskurs nahm, der vorwiegend von nicht-autistischen Menschen geführt wurde und wird.

Wie sieht das Label "Autismus" der Gegenwart aus? Welches Bild zeichnet die Gesellschaft von uns? Was ist meine Haltung zu meinem Autismus, zu der "autistischen Bewegung", zum autistischen Label der Gegenwart - und: Wie gehe ich damit um?
In meinem neuen Buch möchte ich darauf Antworten geben. Gleichzeitig starte ich ein Experiment: Ich werde das Buch sozusagen live schreiben und euch mitnehmen in meine Gedanken. Ihr könnt den Prozess des Schreibens so ganz hautnah verfolgen und beeinflussen, indem ihr kommentiert, wider-sprecht, bestätigt, korrigiert... Ich bin gespannt und freue mich auf den Diskurs!


"Was wird passieren, wenn sich Autismus eines Tages durch einen pränatalen Test nachweisen ließe? Wie viele autistische Kinder würden dann noch geboren werden? (Kapitel: Über die Normopathie)

Gleich auf den ersten Seiten meines neuen Buches wird es heikel und ungemütlich. Antworten Sie/antwortet bitte nicht zu schnell aus einem ersten Impuls heraus. Die Frage ist provokant, irritierend, verstörend und ja, vielleicht auch empörend.

Sie zielt mitten ins Herz der Gesellschaft: Wie viel (Neuro)Diversität will resp. kann sie ertragen und wie weit ist sie wirklich bereit, sich für gleichberechtigte Teilhabe aller und Inklusion zu öffnen und zu engagieren?

'Gesellschaft' ist ein abstrakter Begriff, der eine Distanz schafft, einen Puffer zwischen ihr und mir legt. ABER: Gesellschaft, das sind NICHT DIE ANDEREN, das bin ich! ICH bin Teil der Gesellschaft und gestalte sie mit.

Deshalb bin ich ganz persönlich angesprochen: Wie viel (Neuro)Diversität will resp. kann ich ertragen und wie weit bin ich wirklich bereit, mich für gleichberechtigte Teilhabe aller und Inklusion zu öffnen und zu engagieren?
Diskutiert mit! 

WOW! DANKE für eure Rückmeldungen und Reaktionen auf meinen gestrigen Post zur vielleicht irgendwann einmal möglichen pränatalen Diagnostik auf die Autismus-Spektrum-Störung und ihre denkbaren Folgen! Ich hatte, ehrlich gesagt, einen Shitstorm befürchtet. Der ist ausgeblieben, stattdessen kam es zu einer sehr reflektierten Diskussion. Danke euch dafür! Das zeigt mir, dass die Frage einen Nerv getroffen hat.

Ich habe mich gestern ebenfalls an einer Antwort versucht. Meine Antwort war zunächst sehr klar: Es würden deutlich weniger autistische Kinder geboren. Ich habe dann weiter überlegt, ob dies ein Fortschritt oder ein Rückschritt für die Gesellschaft bedeuten würde. Für die Einschätzung ist entscheidend, wie ich zu Autismus stehe. Ist es eher eine Krankheit, die es auszurotten gilt? Ähnlich wie zum Beispiel Masern? Oder ist Autismus in einer bestimmten Ausprägung und unter bestimmten Bedingungen wichtig für den Fortschritt der Gesellschaft?

Mir ist klar geworden, dass diese Ambiguität, diese Mehrdeutigkeit des Autismus schon in seiner Beschreibung einer seiner "Entdecker" angelegt ist. Hans Asperger diskutiert in seiner Habilitationsschrift zum Erscheinungsbild Autismus auch die "soziale Wertigkeit" autistischer Menschen. Er beschreibt vier autistische Kinder sehr genau, verständnisvoll und ist ihnen empathisch zugetan. Das macht seine Arbeit auch heute noch lesenswert und trägt viel zum Verstehen bei. Aber Asperger war auch infiltriert von der nationalsozialistischen Kinderpsychiatrie, die den Wert eines Menschen daran bemessen hat, wie er sich in die Gemeinschaft im Sinne des Nationalsozialismus einbringen konnte. Und so ist bei Asperger zu lesen, "daß auch abartige Menschen ihren Platz im Rahmen der großen sozialen Gemeinschaft auszufüllen vermögen". Diese Aussage schränkt er allerdings ein auf die "intellektuell intakten", besonders "überdurchschnittlich gescheiten" Autist:innen.

Die Frage nach der "sozialen Wertigkeit" zieht sich seit Asperger bis heute in der Geschichte des Autismus, in der Auseinandersetzung der Gesellschaft mit Autist:innen in ihrer jeweiligen Zeit durch. Und sie wird auch heute noch geführt.








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