Stephanie Meer-Walter 
Autorin und Referentin

Blog

"Aber du weißt schon..." (Juni 2020)

 Ich weiß nicht, wie spontan Nacktschnecken so sind. Ich weiß nur, dass sie in Gärten nicht gerne gesehen werden, weil sie den Salat fressen. Der Vergleich „spontan wie eine autistische Nacktschnecke“ fiel in einem Film, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere. In dem Film ging es um irgendeine Liebesgeschichte.

„Aber du weißt schon, Gundula, dass so Fertiggerichte in der Schwangerschaft Autismus auslösen können“, wirft Hadi aus der Familie Bundschuh von Andrea Sawatzki seiner Schwester Gundula vor, als sie ihrer Familie in der Folge „Wir machen Abitur“ Fertigpizza serviert. Hm.

In dem Roman „Sag’s nicht weiter, Liebling“ der Bestseller-Autorin Sophia Kinsella rätselt die Protagonistin mit ihren Mitbewohnerinnen darüber, warum ihr der Mann, mit dem sie gerade eine Beziehung eingeht, nicht gesagt hatte, warum er nach Schottland hatte reisen müssen. Es werden verschiedene Theorien aufgestellt, zum Beispiel dass er sich Botox spritzen lassen würde, in der Mafia, in eine Betrugsgeschichte verwickelt sei - oder: „Er hat einen autistischen Bruder…“ DAS darf sie natürlich unter keinen Umständen erfahren! Weil es ihre Beziehung gefährden würde?

Die beiden letztgenannten Beispiele stammen aus dem Jahr 2019, sind also ganz aktuell. Aus welchem Jahr der Film in dem ersten Beispiel stammt, weiß ich leider nicht, weil ich ja auch gar nicht mehr weiß, welcher Film es überhaupt war. Ich möchte die Beispiele nicht weiter kommentieren.

Seit meiner Diagnose vor zwei Jahren habe ich natürlich viel aufmerksamer beobachtet, wie Autismus in den Medien und in unserer Gesellschaft stärker zum Thema wurde. Mir sind dabei viele Gedanken durch den Kopf gegangen. Diese „Gedankensplitter“, Ausdruck meiner persönlichen Meinung, finden Sie unbearbeitet auf den nächsten Seiten wieder. Da der Blickwinkel ein anderer ist als der übliche – die neurotypische Welt beschreibt die autistische Welt aufgrund ihrer Beobachtungen –, habe ich das Kapitel „Neurotypathologie“ genannt. Das Wort ist eine Zusammensetzung aus den beiden Wörtern „neurotypisch“, verstanden als Bezeichnung für Menschen, die nicht autistisch oder neurodivers sind, und „Pathologie“, der Lehre von den Krankheiten. Meine kritischen Bemerkungen in den zum Teil satirischen und sehr ironischen Texten werden für den neurotypischen Leser verständlich, wenn es ihm gelingt, seine Blickrichtung zu ändern und aus meiner Perspektive die Dinge zu betrachten, also die Empathie zu entwickeln, die uns autistischen Mensch angeblich fehlt und die die neurotypischen Menschen so oft für sich reklamieren.


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