Verständnis für's Andere - ein "romantisches" Gedicht

nach Erich Kästner: "Der dreizehnte Monat" (1955)

Wie säh es aus, wenn es sich wünschen ließe?
Selbstverständlich wär? "Ich hör dir zu" hieße?
Autistisch anders, versteckt im Alltagsgrau.
Träum ich närrisch, wenn ich darauf vertrau?

[...]

Es tickt die Zeit. Vorurteile im Kreise.
Denn gut sein kann nur, was immer schon war.
Geduld, mein Herz. Selbstbewusst geht die Reise.
Meine und der Vielen Stimme: fürwahr!

Dieses Gedicht nach der Vorlage Kästners - er möge mir verzeihen, dass ich seine Zeilen dilettantisch verunstalte - habe ich schon vor einigen Wochen geschrieben. Nach der Wut und Verzweiflung, die in mir tobte in den vergangenen Tagen, habe ich mich daran erinnert. Genau diesen Zuspruch brauchte es jetzt für mich.

Und dann schaue ich auf den Kalender und sehe, dass Hanau genau ein Jahr zurückliegt. Wie aktuell auf einmal das Gedicht wird! 

Wir dürfen nie den Glauben daran verlieren, dass Verständnis für's Andere und den Anderen möglich sind!!

Danke

Die Sozialen Medien sind Fluch und Segen zugleich.
Wir öffnen uns mit unseren Posts, ob wir wollen oder nicht. Wir geben etwas von uns preis und machen uns angreifbar. Wir müssen immer mit persönlichen Angriffen rechnen. Das ist ein Fluch.
Als autistischer Mensch habe ich große Schwierigkeiten im sozialen Miteinander "draußen". Erfahren zu haben, dass ich nicht allein bin und es ganz viele wunderbare Menschen gibt, denen es ähnlich ergeht, die sich gegenseitig stützen und beistehen, ist ein Segen für mich. Deswegen sind die Sozialen Medien ein Segen. Denn ich hätte euch im "realen" Leben nie kennengelernt. Danke für diese andere Realität, die Mut macht, Halt gibt und Hoffnung schenkt!


Die/meine Sozialen Medien, mein Autismus, meine Depressionen

Denkt ihr auch gerade an die Werbung von der Sparkasse? Mein Haus, meine Jacht, mein Auto (oder so ähnlich).

Autismus braucht Aufklärung. Das ist unbestritten. Gerade jetzt, wo Autismus so präsent wie nie ist. Irgendwann wird dieses Interesse wieder abflachen. Das Zeitfenster für Aufklärung ist begrenzt. Welches Bild wird dann über Autismus und DIE Autist:innen entstanden sein? Welches Bild wird in den Köpfen bleiben und die autistische Sozialisation künftig bestimmen? Wird es der technisch gefärbte Blick sein, der die autistischen IT-Nerds lobt, die nahe an die Künstliche Intelligenz heranreichen? Das Silicon Valley lässt grüßen. Oder wird es das des neuen Menschen sein, das die Medien im Hype um Greta Thunberg entworfen haben? Der autistische Mensch, der allein in der Lage ist, sachlich die Fakten zu analysieren und damit die Welt zu retten? Oder wird der Trend verstärkt werden, dass wir doch nur den Blick weg von den Defiziten hin auf die Stärken werfen müssten? Empowerment! Damit wäre alles gut.

BULLSHIT!

Bullshit, nicht weil in meiner Auflistung die Stimme der Autist:innen fehlt. Nein. Bullshit, weil die autistische Normalität anders aussieht, weil MEINE autistische Normalität eine andere ist. Ich bin kein IT-Nerd, ich interessiere mich für Technik, ja, aber ich bin weit, sehr weit davon entfernt, über irgendeine Expertise zu verfügen. Ich bin auch nicht Greta Thunberg. Ich bezeichne meinen Autismus nicht als Superpower. Nein, auch nicht unter bestimmten Umständen. Denn er ist keine Superkraft! Greta Thunberg meint damit, dass sie dank ihres Autismus die Welt in anderer Weise sehen würde, von außen und in Schwarzweiß, klar und ungeschönt. Das würde ihre Proteste für den Klimaschutz überhaupt erst ermöglichen. Ich habe vielleicht einen anderen Blickwinkel auf die Dinge durch meine andere Wahrnehmung. Wobei unser aller Wahrnehmungen auch immer durch unser Leben, unsere Erfahrungen gefärbt sind. Es gibt nicht die eine, objektive Wahrnehmung. Weder für autistische, noch für nicht-autistische Menschen. Wenn wir (wir, die Gesellschaft) das einfach anerkennen könnten, wäre das ein guter Fortschritt. Wir müssten dann nicht immerzu auf unsere Meinung beharren. Die autistischen Menschen nicht auf ihre und die nicht-autistischen Menschen nicht auf ihre. In der pädagogischen Autismusforschung ist ein Paradigmenwechsel eingetreten, der für die Autismusforschung insgesamt nicht gilt. Das Schlagwort heißt Empowerment. Da ist dann zwar noch in einem Nebensatz von dem Leid, das autistisches Sein auslösen kann, die Rede. Aber werfen wir doch den Blick auf die Stärken und fördern diese! Das ist schön, dass diese Ansicht vertreten wird. Nur: es ist eine wissenschaftliche Diskussion, die ihre Vertreter in ihrem Elfenbeinturm führen. Die Realität sieht ganz anders aus!

Autismus braucht Aufklärung. Deshalb habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, aufzuklären. Darüber, wie sich Autismus für mich anfühlt, was es für mich bedeutet, autistisch zu sein. Sorry, aber ich passe nicht in das aktuell gezeichnete Bild. Mein Leben bewegt sich zwischen meinem Autismus, meinen Depressionen und den Sozialen Medien auf der Suche nach einem Sinn, einem Sinn für mein Leben. [Keine Sorge, ich bin nicht suizidal! Dieser Hinweis gilt dem wichtigsten Menschen in meinem Leben.] Dieser Text ist eine Bestandsaufnahme.

Bis zur Diagnose mit 47 Jahren als Asperger-Autistin hatte ich ein Leben, das von außen betrachtet ein erfolgreiches, gesellschaftlich anerkanntes Leben geführt. Ich hatte als sogenanntes „Arbeiterkind" als Erste meiner Familie studiert, bin Lehrerin geworden, dann stellvertretende Schulleiterin und schließlich Schulleiterin. Erste Risse wurden sichtbar, als ich die Schulleitung aufgab und wieder stellvertretende Schulleiterin wurde. Ein erstes Eingeständnis, gescheitert zu sein. Es ist nicht zu packen, dieses erfolgreiche Leben. Ich wusste damals noch nicht, dass ich autistisch bin. Bis zu diesem Wechsel, der unfreiwillig freiwillig erfolgte, weil ich diesen Schritt gehen musste, um mein Leben zu retten, war die Fassade also in Ordnung gewesen. Aber in dieser Zeit – also seit dem Wechsel in die Schulleitung und danach die Rückstufung – ist viel kaputt gegangen. Ist mein ganzes Sein zerbrochen. Ich wollte mein Leben beenden, ich konnte nicht mehr. Als Ausweg wurde mir die Tür zu einem Wechsel geöffnet. Noch einmal, wieder, neu anfangen an anderer Stelle. Rückgestuft, gescheitert. Ohne Aufarbeitung der alten Zeit direkt hinein in die neue Zeit, parallel. Das konnte nicht gut gehen. Ging es auch nicht. Die Depression erfasste mich komplett, ich fiel ganz tief in das schwarze Loch hinein. Endlich eine Therapie, endlich ein Aufarbeiten. Aber ich habe nicht meine Zeit als Schulleiterin aufgearbeitet, es ging viel tiefer. Und am Ende stand die Diagnose: Asperger-Autistin. Mit 47 Jahren also erfuhr ich, dass mein Leben sozusagen eine „Lüge“ gewesen war. So empfinde ich es noch heute. Das ist nicht einfach. Das bedeutete, dass ich erst einmal für mich klären musste, was es für mich bedeutet, autistisch zu sein. Zu erkennen, dass so vieles, was ich normal fand, gar nicht normal war. Vieles erklärte sich im Nachhinein. Vieles konnte ich jetzt verstehen. Mit der Diagnose aber erhielt ich auch einen Stempel. Dieser Stempel führte dazu, dass ich den Schuldienst verlassen musste. Ich konnte nicht mehr. Ich hatte keine Chance in der Schule. Nicht als „echte“ Autistin. Als angepasste, ja. Aber nicht in echt.

Tja, und seitdem bin ich also frühpensioniert. Kein Grund zur Freude, kein Grund zum Jubeln. Endlich nicht mehr in einem System eingezwängt, endlich machen können, was ich will. Auch hier: Bullshit. Ich kann nicht machen, was ich will. Was ich will, ist, ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft sein. Einen Ort finden, wo ich gebraucht werde, wo ich mein Wissen, meine Fähigkeiten einbringen kann. Wo ich Feedback erhalte, wo ich in den Austausch trete. Einen Sinn, eine Aufgabe haben! In einem institutionell oder ähnlich verankertem Rahmen. Mit festen Zeiten, klaren Aufgaben. Aber das gibt es nicht für mich. Nicht für mich als autistischer Mensch. Ich habe es versucht, über verschiedene Wege. Ich wollte ganz konkret aufklären über Autismus. Autistischen Schüler:innen helfen, sie unterstützen, die Kolleg:innen unterstützen, sie aufklären, damit es für alle in der Schule besser würde. Es hätte funktioniert, wenn ich die „angepasste Autistin“ gewesen wäre, nicht aber die „echte Autistin“. Die ist zu kompliziert, die bereitet zu viele Schwierigkeiten. Die will zu viel. Es geht nicht darum, was ich brauche, sondern ich habe mich den entsprechenden Bedingungen anzupassen. So ist das in Schule. Und dann ist es an anderer Stelle auch an der ganz banalen „Schwierigkeit“ gescheitert, wie man mich als Ehrenamtliche einbinden sollte. Tja, die berühmte deutsche Bürokratie. Ergebnis: Ich bin auf mich selbst zurückgeworfen.

Also fing ich an, die Sozialen Medien zu nutzen. Mein Wissen aus zwanzig Jahre Schuldienst in fast allen Positionen, meine Expertise in der Unterrichtsentwicklung, mein Verstehen meines autistischen Seins: Das musste ich doch irgendwie irgendwo nützlich einbringen können! Und da sind die Sozialen Medien doch genau der richtige Ort, dachte ich. Ich fing also an. Ich wollte das posten, was mir wichtig ist. Ich wollte authentisch sein. Nicht irgendwelchen Trends folgen, nicht Algorithmen erlauben, meine Posts zu bestimmen. Ich wollte ganz frei und unabhängig sein, egal, ob und welche Reaktionen meine Posts hervorrufen würden. Das war schon im Ansatz falsch gedacht. Mein Ziel war/ist ja, über Autismus aufzuklären, diese sozialromantische Vorstellung, gerade entsteht, zurechtrücken. Also schaute ich natürlich auf die Reaktionen. Zählte, wie viele Likes ein Beitrag erhielt, ob er geteilt wurde, wie was kommentiert wurde. Ob ich wollte oder nicht, es dauerte nicht lange und ich war darin gefangen. Ich ließ mich davon treiben. Die Algorithmen verstehe ich nicht wirklich, ich wusste nur, ich muss regelmäßig posten, um wahrgenommen zu werden. Und bitte keine langen Texte wie diesen. Kurz und knackig. Mit einem Bild versehen. Ein Bild, das die Augen erreicht und Interesse auslöst. Sowohl auf Instagram als auch auf Facebook. Schließlich wird schnell gescrollt, da muss etwas direkt ins Auge fallen. So gestaltete ich also meine Beiträge. Kurze, möglichst prägnante Texte, Eyecatcher. Und beobachtete, was passiert. Ich beschrieb, wie mein autistisches Leben aussah, welche Schwierigkeiten ich hatte. Meine Fassade war ja bekannt. Ich wollte das große Leid, das sich in meinem Innern abspielte, nach außen kehren, um diese idyllisch-verträumte Sicht auf Autismus zu durchbrechen. Für ist mein autistisches Sein nicht romantisch! Ich verfluche es, ich hadere damit, ich bin einsam, ich bin enttäuscht und verzweifelt, weil ich keinen Platz mehr in der Gesellschaft habe, dass ich als Autistin nicht mehr in der Schule gebraucht werde, dass ich nicht am Leben teilhaben kann. Ich wollte zeigen, in welchen banalen Alltagssituationen Schwierigkeiten auftauchen, wo unüberwindbare Stolpersteine liegen. Und dann kam ein Kommentar, der alles zunichte machte: Ich solle die Dinge doch mit mehr Humor nehmen. Mich nicht in meinem Selbstmitleid suhlen. Mich nicht als Opfer darstellen. Das saß. Das brachte mein ganzes gerade erst mühselig und noch wackelig aufgebaute Sinn-Sein wieder zum Einstürzen. Warum? Weil es den Kern meines Lebens traf. Und es kam von einer Person, die sich selbst als Autistin outete. Das machte es umso schlimmer. Der Kommentar bedeutete doch: Nimm dich nicht so ernst. Nimm deine Schwierigkeiten nicht ernst. Verbreite mehr schöne Sachen. Das wollen die Leute lesen. Es ist dieses mich selbst nicht ernst nehmen. Stell dich nicht so an, das ist das, was ich in meiner Familie immer wieder und immer wieder zu hören bekommen habe. Andere haben doch auch… und schaffen trotzdem…. Aber auch im Beruf und in der Kirche habe ich diese Sprüche zu hören bekommen. Ich habe viele Therapiesitzungen benötigt, mich davon zu lösen. Das autistische Leben, das autistische Sein ist anders! Die Wahrnehmungen sind anders. Nicht-autistische Menschen können dies nur sehr schwer verstehen. Und sie gestehen einander selbst nicht zu, anders wahrnehmen zu dürfen. Dann wäre es einfacher, vielleicht sogar gar kein Problem. Aber so ist unsere Gesellschaft nicht. Ich hatte also gerade mühselig einen Umgang mit mir selbst gefunden, da kam dieser Kommentar. Ich wollte mich davon nicht beeinflussen lassen. Aber er war gefallen, ich bin dann auch noch privat angeschrieben worden und dort ging es weiter. Ich konnte mich davon nicht mehr distanzieren. Und so änderten sich meine Beiträge, meine Posts auf Instagram und Facebook. Obwohl ich das nicht wollte. Das ist etwas, das den Sozialen Medien selbst inhärent ist. Das kann man bei vielen Accounts beobachten. Ich kann mich davon nicht frei machen. Bei jedem Post überlege ich: Suhle ich mich jetzt wieder in Selbstmitleid? Ist das, was ich über Autismus schreibe, korrekt? Kriege ich damit viele Likes? Ob der Beitrag wohl geteilt wird? Ich mache mich davon abhängig. Das ist nicht gut. Vielleicht bin ich ja auch, trotz Diagnose, gar nicht autistisch, wenn mir das nicht egal ist, was andere schreiben oder denken? So wie es Greta Thunberg nachgesagt wird?

Jetzt ist der Text sehr lang geworden. Worüber wollte ich eigentlich schreiben? Ich wollte über mein Geflecht von meinen Sozialen Medien, mein Autismus und meine Depressionen schreiben, es auseinandernehmen und wie alles miteinander zusammenhängt. Vielleicht fragt ihr euch jetzt, wenn ihr soweit durchgehalten habt, warum ich überhaupt in den Sozialen Medien dann noch aktiv bin? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob ich aktiv bleiben werde. Ich komme damit wieder zur Sinnfrage zurück. Die Sozialen Medien bieten die Möglichkeit, in den Austausch zu gehen. In einen Austausch, der mir im „unsozialen“ Leben fehlt. Sie bieten die Möglichkeit, aufzuklären, sich Verhör zu verschaffen. Aber sie sind für mich als autistischen und depressiven Menschen ebenso gefährlich. Und sie klären – leider – auch nicht die Sinnfrage. Sie beantworten nicht die Frage, warum ich überhaupt auf der Welt bin, warum ich lebe, was mein Beitrag ist.

Funktionale menschliche Bewältigungsstrategien

Bei autistischem Verhalten, das auf die meisten Menschen fremd und unverständlich wirkt und deshalb Angst macht sowie Abwehr auslöst, handelt es sich um funktionale menschliche Bewältigungsstrategien. Um Strategien, auf die der menschliche Organismus unter Stress zurückgreift - sowohl der nicht-autistische Mensch als auch der autistische Mensch. Aufgrund ihrer anderen Bedürfnisse geraten autistische Menschen schneller unter Stress - in ganz alltäglichen Situationen, die für nicht-autistische Menschen ganz banal erscheinen können. 


Schreibt uns nicht vor, wie unser Leben auszusehen hat!*

Sagt uns nicht, wie unser Leben auszusehen hat. Was wir alles nicht erreichen werden können. Sagt uns das nicht. Schreibt uns das nicht vor. Sagt uns nicht, dass wir nicht "normal" sind und deshalb auch nicht "normal" leben können. Was wollt ihr uns damit sagen? Ihr sprecht uns damit das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben ab. Ihr sprecht uns damit das Recht auf Leben ab. Ihr sprecht uns damit das Recht ab, leben zu dürfen! Was ist das überhaupt? Ein "normales" Leben? Das ist eure Vorstellung vom Leben. Aber ist das auch unsere Vorstellung?
Erklärt ihr uns nicht unser autistisches Sein. Hört uns zu! Hört endlich auf, uns zu erklären, wer wir sind. Hört endlich auf, uns vorzuschreiben, wie unser Leben auszusehen hat. Nur weil wir autistisch sind. Nur weil ihr euch überlegen fühlt und glaubt, das Recht dazu zu haben. Ihr habt kein Recht, über unser Leben zu bestimmen!
Die Schlussfolgerungen, die ihr aus unserem Verhalten zieht, sind falsch! Deshalb noch einmal: Hört uns zu! Hört uns zu, was wir brauchen. Gestaltet mit uns unsere Umgebung. Passt sie mit uns unseren Bedürfnissen an. Und ihr werdet überrascht sein, was wir können, was wir erreichen können. Zu was wir fähig sind, wenn man uns lässt. Wenn ihr uns auf Augenhöhe begegnet und ihr uns zuhört. HÖRT UNS ZU!

* Angesprochen fühlen dürfen sich alle, vor allem nicht-autistische Expert:innen, die glauben, besser zu wissen, was es bedeutet autistisch zu sein. Nicht ohne uns über uns, sondern mit uns!


Was ist Autismus?

Autismus zeigt sich in vielen Facetten, weshalb man inzwischen den Begriff „Autismus-Spektrum“ gewählt hat, um die zum Teil auch sehr unterschiedlichen Erscheinungsformen zusammenfassen zu können. Es handelt sich um eine neurologische Andersartigkeit, sozusagen um ein anderes „Betriebssystem“. Die Kernsymptome zeigen sich in Beeinträchtigungen in der sozialen Interaktion und Kommunikation, in sich wiederholenden, stereotypen Verhaltensweisen, in der sehr intensiven Beschäftigung mit Spezialinteressen sowie in Besonderheiten der sensorischen Wahrnehmung. Etwa 1% der Bevölkerung befindet sich auf dem Autismus-Spektrum. 

Die autistischen Besonderheiten geraten erst in einer für neurotypische Menschen gestalteten Umwelt zu einer Störung. Die daraus resultierenden Überforderungssituationen bedeuten Stress und führen nicht selten zu psychischen Begleiterkrankungen wie Angststörungen oder Depression. 

Die Innensicht der autistischen Menschen erhält immer mehr Beachtung, so dass ihre Stärken und Fähigkeiten wie zum Beispiel Ehrlichkeit, unkonventionelles Denken oder auch gründliches Überlegen in den Blickpunkt geraten. Selbstbewusstes Einfordern einer an die autistischen Bedürfnisse angepassten Umgebung sind Ausdruck von Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe auf Augenhöhe!

Als (Asperger-)Autist*in fällt man/frau auf. Nicht immer sofort, aber auf Dauer schon. Vor allem, wenn man/frau mit den 99% ihrer Mitmenschen in Kontakt kommen, die eben anders „ticken“. Das Anders-Sein, das in Abgrenzung von der neurotypischen Mehrheit definiert wird, beruht vor allem darauf, dass das autistische Gehirn anders arbeitet – nicht besser oder schlechter als das neurotypische Gehirn, sondern einfach nur anders. Die beiden „Betriebssysteme“ sind nicht ohne weiteres kompatibel, es gibt einige Reibungspunkte. 

Deshalb bedeutet die Diagnose (Asperger-)Autismus oftmals Exklusion. Exklusion??? Reden wir nicht seit der UN-Behindertenrechtskonvention, die von 2009 in Deutschland in Kraft trat, nur noch von Inklusion, vor allem von den großen Schwierigkeiten, die sie bereitet? Richtig. 

Es sind fehlendes Wissen und Nicht-Verstehen, die zu Vorurteilen führen und die medial gefütterten Klischees bedienen. 


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